Der Wecker | 25/03/2002 |
Als ich noch zur Schule ging, gab es in der Nachbarschaft 2 Brüder, die jederzeit, ähnlich wie einst Max und Moritz, für allerlei Streiche gut waren. Zwei Jahre hindurch gingen sie auch in die selbe (Haupt)-Schule.
Damals ereignete sich Folgendes:
Die Eltern kauften eines Tages einen neuen Wecker. Einen, damals gerade modernen, sehr großen, mit gewaltigen Schellen obendrauf, die nicht nur beeindruckend aussahen, sondern auch ein ebensolches Spektakel verursachten, daß man meinen konnte, Tote sollten wieder zum Leben erweckt werden.
Nach ein paar Wochen, von einem Tag auf den anderen, war der Wecker plötzlich spurlos verschwunden. Die ganze Wohnung wurde durchsucht. Die Kinder wurden eindringlich befragt. Die waren natürlich ahnungslos wie Neugeborene - jedenfalls verhielten sie sich so. Dann wurde wieder die Wohnung, Zimmer für Zimmer, Kasten für Kasten, bis in den letzten Winkel durchkämmt - ergebnislos - der Wecker war und blieb auf rätselhafte Weise verschwunden. Die Nachbarn wurden befragt, gaben die absurdesten Vermutungen und die skurrilsten Ratschläge zum Besten, es wurde stundenlang überlegt, diskutiert und vermutet. Man glaubte an Diebe, Räuber, dunkle Mächte - ein paar Verwegene tippten sogar auf das Werk von Außerirdischen - man verdächtigte Briefträger, Gaskassier, Rauchfangkehrer, den Greißler, den Hausbesorger, einfach alles und jeden - allein es half nichts, das Mysterium des Verschwindens war einfach nicht aufzuklären.
Irgendwann resignierten die Eltern. Wochen und Monate verstrichen, und bald dachte man nur mehr sporadisch und in sentimental verklärter Erinnerung an das schöne Stück aus poliertem Messing.
Bis dann eines schönen Tages, beim Mittagessen der Ältere von den beiden, so nebenbei erzählte, daß er heute, ausnahmsweise wegen einer harmlosen Sache, zufällig beim Direktor gewesen sei. Worauf der Jüngere spontan mit der Frage herausplatzte: Host den Wecker gsehn?!
In diesem Moment überkam die Mutter eine seltene Mischung von Erstaunen, Erschrecken und Überraschung, die ihr momentan die Sprache verschlug, die Gänsehaut in den Nacken kriechen und sie fast vom Sessel kippen ließ - daran hatte weder sie, noch irgendjemand in den kühnsten Alpträumen zu denken gewagt. Schlussendlich überwog aber dann doch die Freude darüber, das verloren geglaubte Stück wiedergefunden zu haben.
Wie sich dann herausstellte, hatte der Jüngere den Wecker in die Schule mitgenommen und ihn zehn Minuten vor Beginn der Pause ablaufen lassen. Der Lehrer beendete, zum Gaudium der Mitschüler, die Stunde, weil er den Wecker für die Schulglocke hielt. Der nächste Lehrer hatte allerdings etwas bessere Ohren, zog die Uhr ein und übergab sie dem Schulleiter. Die Eltern hätten sie ja von dort abholen können, aber der Sohn hütete sich, angesichts der drohenden Konsequenzen, davon zu erzählen, und so zierte der Wecker monatelang den Schreibtisch des Direktors, bis eben zu jenem Tag, an dem der Bruder zufällig in die Direktion kam . . .