Die verrückte Katze | 20/04/2002 |

Seit den Siebzigerjahren entstanden im Süden Wiens viel neue Industriebauten. In einem dieser neuen Gebäude, wo bisweilen Tag und Nacht gearbeitet wurde, plante man eine Wohnung für den Betriebsleiter gleich von Anfang an mit ein. Noch bevor der endgültige Betrieb aufgenommen wurde, zog dieser mit seiner Frau und einer Katze ein. Nach wenigen Tagen begann die Katze merkwürdige Verhaltensweisen zu entwickeln. Ohne ersichtlichen Grund sprang sie plötzlich auf, rannte quer durchs Zimmer und machte nach ein paar Metern einen Kopfsprung in den Parkett- bzw. Teppichboden. Anfänglich schenkte er dem keine Beachtung. Als diese „Köpfler“ aber auffälig häufig wurden, machte er sich allmählich Sorgen um den Geisteszustand des Tieres. Es ist ja auch schwer als normales Verhalten anzusehen, wenn man am Abend gemütlich vor dem Fernseher sitzt, sich einen schönen, romantischen Film ansieht und urplötzlich galoppiert die Katze quer durch den Raum und macht unmittelbar vor dem Fernsehgerät einen Hechtsprung in den Teppich.
Man versuchte vergeblich irgendeine plausible Erklärung für dieses eigenartige Verhalten zu finden und zog sogar schon in Erwägung, einen Tierpsychiater aufzusuchen und um Rat zu fragen.
Da an dem Bau noch allerlei Dinge zu machen waren, kam auch der Bauleiter öfters vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Bei einem dieser Besuche kam man zwangsläufig auch auf die eigenartige Gewohnheit der Katze zu sprechen. Was zuerst nur merkwürdig und in der Vorstellung sehr lustig wirkte, fand dann aber bald eine plausible Erklärung: auf die Betondecke hatte man einen sogenannten „Trockenestrich“ verlegt: kreuzweise verlegte Holzbalken, die Hohlräume mit Styroporgranulat aufgefüllt und darüber Holzplatten. Da der Bau an mehrere Felder angrenzte, war anzunehmen, dass es sich ein paar Feldmäuse in dem Granulat gemütlich gemacht hatten. Als der Boden dann vollständig verlegt war, hatten sie aber keine Möglichkeit mehr, ins Freie zu gelangen. Die Katze mit ihren guten Ohren dürfte die Mäuse gehört haben, legte sich auf die Lauer und versuchte sie zu fangen. Dass der undurchdringliche Bodenbelag dazwischen war und eine erfolgreiche Jagd verhinderte, wollte sie offenbar nicht zur Kenntnis nehmen. Vielleicht war auch nur das Katzenhirn mit dieser Aufgabenstellung überfordet.

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