Zähne | 18/10/2002 |
Für viele Menschen ist es zur lieben Gewohnheit geworden, jedes Jahr in ein und demselben Ort den Urlaub zu verbringen, aus welchen Gründen auch immer. So wie jenes Ehepaar aus Niederösterreich, das jedes Jahr den Sommerurlaub in einem bekannten Badeort an der italienischen Adria verbrachte. Früher mit den Kindern in der Hauptsaison, jetzt im Ruhestand, in der Nachsaison, im September. Es war schon viel ruhiger an den Badestränden und auch der Herbst kündigte sich langsam an, es war nicht mehr ganz so heiß und auch der Wind blies schon etwas kräftiger. Daher war auch das Meer etwas unruhiger und die Wellen erreichten mitunter ansehnliche Höhen. Den Mann konnte das allerdings nicht am Schwimmen hindern, ganz im Gegenteil, so machte es erst richtig Spaß. Bis zu jenem Tag, an dem er etwas kleinlaut aus dem Wasser kam, mit einem Gesichtsausdruck an dem seine Frau sofort merkte, dass irgendwas nicht stimmte. Sonst war allerdings keinerlei Veränderung zu bemerken, aber nur solange, bis er zu sprechen anfing. I hob meine Sfend valuan - oder so ähnlich zischte er zwischen den kaum geöffneten Lippen hervor. Seine Frau schaute zuerst ungläubig, um dann umso schallender zu lachen , glaubte sie doch an einen überaus gelungenen Scherz. Dem war aber nicht so. Er hatte sich so wagemutig in die Fluten gestürzt, dass ihn eine besonders heftige Welle in genau jenem Moment voll erwischte, als er kurz nach Luft schnappte - und da war das Gebiss auch schon weggespült. Man machte sich zwar sofort auf die Suche, aber keine Hoffnung, die Zähne jemals wieder zu finden.
Was war jetzt wohl das Vernünftigste? Den Urlaub noch vor der Halbzeit abzubrechen? Sich an den zahnlosen Zustand gewöhnen? Breikost? Einen Zahnarzt konsultieren? Weitersuchen?
Eine schwerwiegende Entscheidung stand im Raum und daher beschloss man einen Konsulenten beizuziehen. Man wandte sich also an den Bademeister, der ohnehin nichts zu tun hatte. Mit den paar Worten italienisch, die man sich in all den Jahren angeeignet hatte, sowie mit Händen und Füßen versuchte man ihm die missliche, aber auch etwas peinliche Situation zu erklären und wie es dazu gekommen war. Irgendwann verstand er dann doch, oder tat wenigstens so. Er nahm einen Zettel, schrieb einen Namen und eine Adresse darauf und erklärte ihnen noch ungefähr, wie sie dorthin gelangen könnten. Hocherfreut gingen sie zurück zum Hotel, um sich zu duschen und umzuziehen. Als sie fertig waren, kamen ihnen aber doch leichte Zweifel, ob es wohl wirklich das Richtige war, zu dieser Adresse zu gehen. Schließlich hatten sie nicht so recht verstanden, was es mit diesem Dottore auf sich hatte. Also verschoben sie es erst mal auf den nächsten Tag und dann wieder auf den nächsten.
Schließlich beschloss man doch einen Versuch zu wagen, immerhin fiel das Sprechen schon sehr schwer, vom Essen ganz zu schweigen.
Ohne große Mühe fanden sie die angegebene Adresse und waren etwas erleichtert, als sie anhand des Schildes an der Tür feststellten, dass sie doch zu einem Zahnarzt geschickt worden waren. Sie traten also ein, nahmen im Warteraum Platz und warteten, bis sie an die Reihe kamen. Der Arzt, ein älterer, sehr freundlicher Herr, hörte sich die Geschichte der verlorenen Zähne geduldig an, nickte ab und zu wissend und verständnisvoll und lächelte am Schluss. Dann stand er auf und sagte kommen sie mit, ich zeige ihnen etwas. Er ging mit ihnen in einen Nebenraum. Dort stand eine große Vitrine voll mit Gebissen. Als der Arzt ihre erstaunten Gesichter sah, meinte er verschmitzt, mit einem ironischen Unterton wollen sie sich nicht eines aussuchen? und lachte dabei.
Dann erzählte er ihnen, dass er schon vor vielen, vielen Jahren, auf seinen zahlreichen Strandspaziergängen das eine oder andere Gebiss gefunden und mit nach Hause genommen hatte. Unter seinen einheimischen Patienten sprach sich das herum, und jeder der ein falsches Gebiss am Strand, beim Tauchen oder im Fischernetz fand, brachte es zum Zahnarzt. So war im Laufe der Jahre eine umfangreiche, interessante und etwas bizarre Sammlung entstanden - und die skurrilsten Stücke, bereits mit Algen und Muscheln bewachsen, hatte er in seinem Meerwasseraquarium - an Stelle eines Korallenriffs . . .
Zum Abschied meinte er nur, man solle dem Badewart, der Einiges zu dieser Sammlung beigetragen hatte, nicht allzu böse sein, er habe es ja doch nur gut gemeint und den Mann nur trösten wollen, da er, wie er ja nun gesehen hatte, nicht der Einzige war, dem so ein Missgeschick passierte . . .