Die Wallfahrt | 23/10/2002 |
Das südliche Burgenland ist eine jener Gegenden, die außer gutem Wein, einem milden Klima und einer beschaulichen Landschaft, nichts wirklich Aufregendes zu bieten haben. Die Menschen, zumeist einfache Bauern, scheint das nicht sehr zu stören. Sie leben dort seit Jahrhunderten ruhig, gelassen und Gott ergeben in ihrer eigenen, kleinen Welt, kennen die große oft nur vom Hörensagen und wollen mit ihr und ihrer Hektik eigentlich nicht allzuviel zu tun haben. So wie jene bodenständige, alte Bäuerin, die ihr ganzes Leben in ihrem kleinen Dorf verbracht hatte und die nur alle paar Jahre eine, für sie sehr große, Reise machte - eine Wallfahrt nach Mariazell.
Ihren Kindern war es in dem winzigen Dorf schon bald zu eng geworden und sie hatten sich in alle Richtungen verlaufen, ja eine Tochter hatte es gar bis nach Amerika verschlagen. Für diese einfache Frau war das schon mehr als das andere Ende der Welt, jedenfalls jenseits ihres Vorstellungsvermögens.
Nur der jüngste Sohn lebte noch in ihrer Nähe und begleitete sie diesmal auf der Wallfahrt. Man absolvierte das übliche Programm, mit feierlichem Hochamt, Besichtigung der Basilika, einem Vorbeimarsch an den Souvenirstandeln und dem abschließenden und unvermeidlichen Wirtshausbesuch mit ausgiebigem Mittagessen.
Es war ein sehr schöner Tag und das Gasthaus war mit Wallfahrern und Touristen bis auf den letzten Platz gesteckt voll. Man genoss das üppige Wallfahrer-Menü und beobachtete zwischendurch interessiert die anderen Gäste. Am Nebentisch saßen Touristen, die unschwer als Amerikaner zu erkennen waren.
Plötzlich sagte die Bäuerin zu ihrem Sohn: geh, frog de amoi, obs die Gretl kennan! Die Gretl war die nach Amerika ausgewanderte Tochter. Der Sohn vermeinte, nicht recht verstanden zu haben. Wos soll i? fragte er vorsichtshalber und ungläubig nach. Nau frogn soist es, obs die Gretl kennan! Muatta, wia stöst da du des eigantlich vua, des moanst oba jetzt net ernst? Freulich moan i des ernst, geh' und frogs! Muatta, woaßt du eigantlich wia riesngroß Amerika is und wiavü Leit durtn lebn, host a nua a bissl a Vuastöllung, wiavü Mülljonen des san? Und ausgrechnt de zwoa do drübn soin de Gretl kennan? Des soi jo woi a Witz sein - na i geh do net umme, i wü mi do net blamiern und auslochn lossn. De hoitn mi jo fia an komplettn Trottl. Na, na, geh nua söba, waunst so neigierig bist und des unbedingt wissn wüst! Doch die Bäuerin gab nicht nach. Wia soi is denn frogn, i kaun do koa Wurt Englisch, sunstn tat is jo eh. Muatta, i glaub du spinnst jetzan total!
So ging die Diskussion hin und her. Dem Sohn war das Ganze sichtlich unangenehm, er wollte von diesem absurden Unterfangen nichts wissen. Aber die Mutter hatte sich das nun einmal in den Kopf gesetzt und ließ einfach nicht locker, bis er schließlich doch resignierte. Gegen die Sturheit und Dickköpfigkeit einer gestandenen, burgenländischen Bäuerin war eben kein Kraut der Welt gewachsen. Dagegen anzukämpfen, auch mit den beeindruckendsten Worten, schärfsten Argumenten oder gar logischesten Begründungen, war von vorneherein aussichtslos und zum Scheitern verurteilt.
Gemächlich, ja geradezu im Zeitlupentempo wand er sich aus seinem Sessel heraus, und stand, so umständlich er es nur zuwege brachte auf, mit einer leisen Hoffnung, seine Mutter würde die paar Sekunden nutzen, diese minimale Chance ergreifen, und es sich im allerletzten Augenblick doch noch anders überlegen.
Vergeblich - keine Macht der Welt konnte sie anscheinend von dieser fixen Idee abbringen. Also näherte er sich ganz langsam dem Nachbartisch, im Bewusstsein eine, wenn nicht gar die Dummheit seines Lebens zu begehen oder wenigstens eine grandiose Peinlichkeit, und sich unsterblich, bis auf die Knochen zu blamieren, nur um seiner alten, starrköpfigen Mutter einen kleinen Gefallen zu tun. Er kratzte all seine spärlichen Schul-Englisch Kenntnisse zusammen, entschuldigte sich schon vorher mehrmals hintereinander und versuchte äußerst weitschweifig und umständlich, den zwar freundlichen und aber vorerst misstrauischen, etwas ratlosen und dann leicht verdutzten amerikanischen Touristen zu erklären, mit welch absurdem Auftrag ihn seine Mutter zu ihnen geschickt hatte. Es dauerte eine geraume Zeit, bis die Amerikaner auch verstanden, worum es überhaupt ging.
Endlich hatten Sies kapiert. Der junge Mann atmete erleichtert auf, glaubte es nun überstanden zu haben, entschuldigte sich noch einmal und wollte schon wieder zurück, an den Tisch und zur Mutter - um ihr noch einmal zu sagen, wie grotesk und peinlich das Ganze war.
Nun waren aber die Touristen ihrerseits neugierig geworden und fingen an zu fragen, wer denn diese Gretl sei, wie sie noch hieße und wo sie denn eigentlich wohne. Er dachte sich nur, die spinnen, warum wollen die das unbedingt wissen, Amerika ist so groß, die haben von der Gretl und dem öden Kaff, in dem sie wohnt sicher noch nie was gehört, die wissen wahrscheinlich nicht einmal, dass es dieses Nest überhaupt gibt, und erst recht nicht, wo es sich auch nur annähernd befindet. Eine gewisse Gleichgültigkeit überkam ihn, denn das Unangenehmste meinte er ohnehin schon überstanden zu haben. Niemand hatte an seinem Verstand gezweifelt oder ihn ausgelacht, und so erzählte er ihnen also bereitwillig alles, was sie von ihm wissen wollten.
Die Mutter hatte ihren Sohn die ganze Zeit über beobachtet und ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen. Sie wurde immer unruhiger und platzte schier vor Neugier, denn für eine einfache Auskunft, unterhielt er sich schon verdächtig lange mit den Touristen. Endlich, nach schier endlos langen Minuten kam er etwas bleich, kopfschüttelnd und mit einem verdatterten Gesichtsausdruck zurück.
Nau und, wos hobns gsogt rief sie ihm halblaut und ungeduldig entgegen. Muatta, i kaun's oafoch imma no net glaubn - oba des san da Gretl ihre Nochboan!
Und ohne zu zögern, ohne sichtbaren Gefühlsausbruch oder auch nur einer Spur der Verwunderung, entgegnete die alte Bäuerin nur ganz trocken, mit einem barschen Unterton: nau, siechst es, i hob das jo glei gsogt!