Der Hase und der Hund | 12/09/2004 |
Es war ein wunderschöner Sommertag in einem waldreicheren und nicht sehr dicht besiedelten Teil der Toskana. Ich spazierte gemütlich eine Forststraße am Rande eines Wäldchens entlang, als plötzlich ein Hase in vollem Lauf um die Kurve auf mich zu kam. Als er mich erblickte, schlug er, ohne merklich langsamer zu werden, einen Haken und verschwand zwischen den Büschen. Während ich mich noch wunderte, wieso mir am hellichten Tag, auf der Straße, ein Hase im gestreckten Galopp entgegenkommt, kam auch schon ein Hund hinterher - struppig, schmutzig, übergewichtig und keuchend und schnaufend wie eine alte Dampflok, die Schnauze knapp über dem Boden, zwischendurch immer wieder aufgeregt kurz aufblickend - mit einem Wort eine, im Vergleich zur eleganten und sportlichen Erscheinung des Hasen, geradezu grotesk-lächerliche Figur. Er schoss an mir vorbei, blieb plötzlich ruckartig stehen, schaute mit einem unglaublich blöden Gesichtausdruck um sich, lief ein paar Meter zurück, schnüffelte am Boden herum - hatte plötzlich wieder die Witterung aufgenommen und verschwand, an der gleichen Stelle wie der Hase, im Gebüsch. Um den machte ich mir keine Sorgen, denn so ein fettes Hunde-Ungetüm, das aussah wie eine große Klobürste mit vier Beinen, eine lebende Karikatur eines Jagdhundes hatte wohl viel eher einen Herzinfarkt, als dass es einem Hasen auch nur annähernd gefährlich werden konnte.
Kaum war ich ein paar Schritte weitergegangen, kam der Nächste um die Ecke gerannt - ein kleiner Bub, der aufgeregt irgendetwas rief. Es war offensichtlich der Name des Hundes. Als er mich erblickte, fragte er mich ob ich einen Hund gesehen hätte - zumindest verstand ich mit meinen dürftigen Italienisch-Kenntnissen so etwas in der Art. So gut es ging versuchte ich ihm zu erklären, dass der Hund auf der Jagd nach dem Hasen im Gebüsch verschwunden war und zeigte ihm die Stelle. Er verstand sofort und verschwand ebenfalls im Gebüsch.
Amüsiert über diese etwas skurrile Verfolgungsjagd und neugierig, wer da noch aller angerannt kommen würde, ging ich gemächlich weiter.
Es waren keine zwei Minuten vergangen, da hörte ich den Jungen schon wieder rufen, diesmal hinter mir. Ich drehte mich um und sah ich ihn aufgeregt mit den Händen herumfuchtelnd auf mich zulaufen. Näherkommend überfiel er mich mit einem italienischen Wort-staccatto, dass mir fast Hören und Sehen verging. Verstanden habe ich kein einziges Wort, aber erraten, dass er mir irgendwas zeigen wollte. Also ging ich kurzerhand mit ihm. Denselben Weg querfeldein, besser gesagt querbuschein wie vor uns der Hase und der Hund. Es dauerte nicht lang, da sah ich einen Zaun auftauchen. Gleichzeitig vernahm ich ein jämmerliches Gewinsel. Sekunden später wusste ich auch woher das kam.
Der Hase war auf seiner Flucht zu diesem Zaun gelangt und offenbar ohne größere Probleme darunter durchgeschlüpft. Der Hund aber, in vollem Jagdfieber, nur seinen niederen Instinkten folgend und in völliger Unkenntnis über seinen tasächlichen Umfang, versuchte es ebenfalls - und war prompt steckengeblieben.
Der Hase war natürlich längst über alle Berge, und der Hund, die Witterung noch immer in der Nase, war eingeklemmt zwischen Zaunbrettern und Erdboden und ruderte und scharrte wie ein Verrückter, jaulte und winselte - ein tragikomisches Bild des absoluten Jammers - ein wirklich armer Hund. Wäre da nicht der um Hilfe heischende Junge mit seinem traurigen und verzweifelten Blick gewesen, ich hätte mich vor Lachen kaum halten können. So schmunzelte ich nur und gemeinsam versuchten wir den verhinderten Großwildjäger aus seiner verzwickten Lage zu befreien, was uns schließlich auch gelang. Die Lust auf frisches Hasenfleisch war ihm wohl für einige Zeit vergangen.